Titelthema: "Modejournalismus"
Modejournalismus, war da was?
von Nike Breyer
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Mode ist viel mehr als umsatzfixierte Bekleidungsindustrie und Ausdruck hemmungslosen Konsums. Gemacht wird sie auch nicht wirklich von den großen Designern. Mode ist ein Kommunikationsmittel und zugleich ein wichtiger Indikator gesellschaftlicher Befindlichkeiten. Modejournalisten kümmert das wenig.
Warum es brillanten Modedesignern, also einer notorisch analysefeindlichen Zunft, mitunter gelingt, kommende Phänomene besser vorwegzunehmen als die für solche Voraussagen zuständigen Profis, ist eine der 'most obscure questions' der Geschichte und für Kulturhistoriker eine der zentralen", brachte Eric J. Hobsbawm (Zeitalter der Extreme) den Stellenwert von Mode für das gesellschaftliche Verständnis auf den Punkt. Mit anderen Worten, Mode generiert nicht nur ständig neue Kleider, ein altbekannter Grund, sie für diese Frivolität entweder heiß zu lieben oder innig zu hassen. Sondern sie funktioniert für den, der ihre Zeichen lesen kann, zugleich als hochsensibles Frühwarnsystem. Sie formuliert in textilen Chiffren Stimmungen, also kollektive Ängste, Sehnsüchte und zunehmend auch robuste Bekenntnisse (Burka, Palästinensertuch, Springerstiefel), bevor diese Dinge von Anthropologen und Soziologen als den professionellen Deutern unserer Welt erkannt und benannt werden.
Um das Phänomen Mode dabei noch fester in den Griff zu bekommen, muss man Hobsbawms Mode-Begriff erweitern. Und zwar um die Rezeptionsseite. Das Publikum designt nämlich an der Mode insofern mit, als es jenseits von Trends und Markenkleidung, wie sie die internationalen Stilistenschauen und Modemagazine regelmäßig zu Saisonbeginn ansagen, seine eigenen Styles und Partikularmoden schafft. Dies geschieht häufig auch durch kreatives Umwidmen vermeintlicher Diktate. Die Ergebnisse dieser Verselbständigung werden dann in einer Art von hermeneutischem Zirkel von den Designern und ihren Fashion-Scouts aufgegriffen, verarbeitet und in konfektionierter Form wieder auf den Markt gebracht.
Vor allem hier, in diesen schöpferischen Eigen-Looks von Jugendkohorten, aber zunehmend auch von gesellschaftlichen Teil- oder Randgruppen, formulieren sich sehr direkt und instinktsicher kollektive Befindlichkeiten, die, wenn sie stark genug werden, auch gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen und Fakten schaffen. Damit wäre dann nebenbei auch die von Hobsbawm im Dunkeln gewähnte Frage beantwortet, warum Mode etwas vorwegzunehmen imstande ist, was später gesellschaftliche Wirklichkeit wird. Kommen wir zum praktischen Teil unserer Überlegungen: Was kündigt die Mode gegenwärtig an Was erfahren wir darüber im Modejournalismus?[...]
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Der Autor
Nike Breyer
(*1955) studierte Geschichte/ Romanistik in Freiburg und Modedesign in Trier. Von 1998 bis 1994 Redakteurin bei Männer Vogue, schreibt sie seit 1995 frei u.a. für FAZ, taz, Architectural Digest und Fachmagazine. Für Ausstellungen, u.a. "Die Lebensreform" [2001] und "Im Designerpark" [2003], Institut Mathildenhöhe Darmstadt, verfasste sie Katalogbeiträge. Sie gestaltet selbst Firmenausstellungen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kunst, Mode und Körperlichkeit und deren Rückkoppelung mit den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen. Sie lebt als freie Autorin in Marburg.
nike.breyer@web.de
Foto: privat