Ausland
Brasilien: Brennende Journalisten
von Klaus Hart
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Brasiliens Gastfreundschaft ist sprichwörtlich. Die Pressefreiheit ist jedoch etwas beschränkt: Engagierten Journalisten droht der Scheiterhaufen. Nur noch wenige wagen, über die skandalösen Verhältnisse in den Slums zu berichten. Carla Rocha schrieb eine Artikelserie über die Slum-Diktaturen und wurde dafür soeben mit dem wichtigsten Menschenrechtspreis Brasiliens ausgezeichnet.
Unten, an den Stränden von Copacabana und Ipanema, entspannen sich mit all den ausländischen Gästen auch Touristen, Diplomaten und NGO-Leute aus Deutschland in der sprichwörtlichen brasilianischen Gastfreundschaft. Doch schon in Sichtweite, oben in den Hangslums von Rio, lodern seit Jahrzehnten regelmäßig Scheiterhaufen, auf denen Menschen ermordet werden. Banditenkommandos stapeln Autoreifen über die gefesselten Opfer, übergießen sie mit Benzin, entzünden ein Streichholz und verbrennen sie bei lebendigem Leib. "Microonda", Mikrowelle wird das Verfahren zynisch genannt.
Microonda, Foto: Rogerio Reis
In der größten Demokratie Lateinamerikas hat die neofeudale Herrschaft des organisierten Verbrechens über erhebliche Teile der brasilianischen Städte rechtsfreie Zonen geschaffen, aus denen der Staat fast völlig verdrängt wurde. Recherchen von Journalisten werden mit brutaler Gewalt behindert. Von Pressefreiheit kann keine Rede sein. Journalisten, die die Aktivitäten der Banditenkommandos in den Slums kritisieren, sind Morddrohungen und -anschlägen ausgesetzt. 2002 wurde der bekannte Fernsehreporter Tim Lopes bei einer Recherche gekidnappt und per "Mikrowelle" bestialisch liquidiert.
Seine Kollegin Carla Rocha vom Medienkonzern "Globo", eine der führenden investigativen Journalistinnen des Tropenlandes, hat jetzt gemeinsam mit ihrem Team für eine unter hohem Lebensrisiko recherchierte Artikelserie über die Slum-Diktatur den wichtigsten brasilianischen Menschenrechts- und Medienpreis erhalten. Der "Premio Vladimir Herzog" erinnert an einen jüdischen Journalisten, der vom brasilianischen Militärregime ermordet wurde.
Kurz vor der Auszeichnung in der Megametropole Sao Paulo hatte in Paris die Menschenrechtsorganisation "Reporter ohne Grenzen" Brasilien auf ihrer neuesten Rangliste über Medienfreiheit vom 75. Platz im Vorjahr auf die 84. Position heruntergestuft. Denn Gewalttaten gegen brasilianische Journalisten nehmen deutlich zu. In keinem Land der Erde sind zudem mehr Gerichtsprozesse gegen Journalisten im Gang. Erst kürzlich wurde an der Peripherie Brasilias ein Attentat auf den Reporter Amaury Ribeiro verübt, der wie Carla Rocha eindringliche Analysen über die Slum-Diktatur publizierte. Ribeiro wurde schon lange bedroht.
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Zur Person
Carla Rocha
40 Jahre, in Rio geboren, studierte Kommunikation und Geschichte, arbeitete bei verschiedenen Qualitätszeitungen, stieg dort stets rasch zum Chefreporter auf - wie jetzt bei "O Globo", von dessen Redaktionsfenstern man direkt auf einige der über 700 Slums von Rio blickt, in denen selbst Jugendliche mit NATO-Feuerwaffen und Handgranaten patrouillieren. O-Globo-Reportagehubschrauber können ebenso wie andere zivile Helikopter große Teile des Stadtgebiets nicht überfliegen, weil die Banditenkommandos über schwere Luftabwehr-MGs verfügen. Foto: Klaus Hart
Der Autor
Klaus Hart
Jahrgang 1949, geboren in Thüringen, Brasilienkorrespondent seit 1986 für Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz, darunter für Deutschlandradio Kultur und den ORF. Er lebt in Sao Paulo, ist Autor bzw. Co-Autor von mehr als 30 Reportagebänden, Reisebüchern, Bildbänden und Reiseführern über Brasilien, Texte unter:
tinyurl.com/2s5tbe,
tinyurl.com/36xakz
Foto: Rogerio Reis