Berufsrisiko
Was in Kopf und Seele bleibt
von Petra Tabeling
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Ob Unfälle, Naturkatastrophen, Gewaltverbrechen oder bewaffnete Konflikte - Journalisten werden in ihrer Arbeit extremen Belastungssituationen ausgesetzt. Gemeinsam mit Rettungs- oder Polizeikräften sind sie oftmals als Erste am Unglücksort. Doch während es für Hilfskräfte meistens eine psychologische Betreuung gibt, bleiben Reporter, Fotografen oder Kameramänner oft sich selbst überlassen.
Diese Bilder aus Ruanda wird der ZDF-Reporter Frank P. nicht so schnell vergessen - Macheten hatten sich durch den Rücken wehrloser Frauen gebohrt. "Wenn die Frauen schwanger waren, töteten die Tutsis auf diese Weise gleich zwei Personen", so der erfahrene Journalist. Zeigen konnte er diese Szenen den Zuschauern nicht, doch die Erinnerungen blieben in seinem Kopf. Der Schweizer Christian Frey hatte den Geruch der Massengräber im Kosovo aus seiner Fernsehdokumentation noch lange in Erinnerung - selbst am Schneidetisch stieg ihm der verfaulte Geruch wieder in seine Nase. Der Lokalreporter Jürgen M. bekam die Bilder der Zerstörung und der verstreuten Leichenteile nicht mehr aus seinem Gedächtnis, als er von seiner Redaktion zum Zugunglück nach Eschede geschickt wurde. Er konnte monatelang kaum schlafen. Sabine K. war wochenlang übel, als sie den völlig überforderten und traumatisierten Überlebenden der Tsunami-Katastrophe am Düsseldorfer Flughafen ihre schrecklichen Erlebnisse für die Abendnachrichten abverlangen musste.
Leiche in Tschetschenien, Foto: Musa Sadulajew
Objektivität ja - Gefühle nein?
Nicht selten behalten Kollegen ihre Erlebnisse für sich. Im Redaktionsalltag bleibt für die eigenen Emotionen kaum Platz, dabei sind sie doch essentieller Bestandteil unserer Arbeit. Wir lernen alle Tricks, um Politiker und Prominente zu interviewen, die um eine Antwort selten verlegen sind. Doch nicht, wie wir mit Menschen umgehen, die gerade etwas Schreckliches erlebt haben, und deren Schicksale uns manchmal erschüttern. Und auch nicht, wie man damit umgeht, wenn man selbst über ein Unglück berichten muss.
Bislang gibt es über diese Schattenseiten des Berufs kaum Zahlen oder Fakten. Eine erste Studie des Psychiaters und Medienforschers Anthony Feinstein zeigte allerdings auf, dass fast 30 Prozent befragter Krisenreporter innerhalb von 15 Jahren von posttraumatischen Belastungsstörungen, kurz PTBS, betroffen sind. Das entspricht etwa der Anzahl von traumatisierten Kriegsveteranen unter Militärstreitkräften. Zwar sind nur die wenigsten Journalisten von PTBS betroffen, doch die emotionalen Folgen, den dieser Beruf mit sich bringen kann, können sich auch in Depressionen, Alkoholkonsum oder anderen Konflikten niederschlagen.
Verfolgende Erinnerungen
"Ich werde verfolgt von Erinnerungen an das Morden, an Leichen, an verhungernde und verwundete Kinder. Der Schmerz des Lebens übersteigt die Freude in einem Maße, dass keine Freude mehr existiert", schrieb der Fotograf Kevin Carter in seinem Abschiedsbrief. Nur wenige Wochen vor seinem Selbstmord im Jahr 1994 erhielt der 33-Jährige für das Foto eines sudanesischen Mädchens, auf dessen Hungertod ein Geier lauert, und das um die Welt ging, den begehrten Pulitzer Preis.
Carters Tod ist ein extremes Beispiel. Tragödien und Gewalt finden nicht irgendwo in fernen Krisengebieten, sondern auch vor der eigenen Haustür statt: Zugunglücke, Amoklauf an Schulen, Kindesmissbrauch, Autounfälle oder die Folgen dessen. Auch Töne und Gerüche prägen sich ein und auch "stille" Momente: Für einen Fernsehreporter des WDR-Lokalstudios in Bielefeld waren es nicht Chaos und Zerstörung, die ihn belasteten, als er und sein Team zu einem Autobahnunglück gerufen wurden, sondern ein Detail: Eine alte Dame war von einer Brücke gesprungen, sie hatte Selbstmord begangen. "Was mich nachträglich am meisten erschütterte, waren die akkurat abgestellten Hausschuhe neben einem Hocker, damit sie besser über das Geländer klettern konnte", erinnert sich der Kollege. Und längst erfahren nicht nur Reporter am Ort von Szenen, die sie nicht vergessen, sondern auch Cutter und Bildredakteure am Tisch, ungefiltert laufen die blutigen Bilder im 24-Stunden-Rhythmus ab.[...]
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