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Titelthema: Familie

Abschied von der Kuschelpolitik

von Katrin Göring-Eckardt

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Katrin Göring-Eckardt veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Buch, in dem sie ein leidenschaftliches Pladoyer für die Familie hielt. Verbindlichkeit, Respekt und Fürsorge sind nur drei der Werte, die sie in der Familie verwirklicht sehen will. Eine konservative Grüne? Die Bundestagsvizepräsidentin tat etwas, was Politiker sonst selten tun. Sie sah sich Beziehungen von Menschen näher an.


Kaum jemand wird heute noch ernsthaft behaupten, Familie sei ein per se konservatives Thema und Familienpolitik die alleinige Domäne derjenigen, die sich nach klaren Geschlechterrollen und hierarchischen Machtverhältnissen im Haushalt zurücksehnen. Wer sich politisch für Familien einsetzt, steht zum Glück kaum mehr unter dem Verdacht, das Rad der Emanzipation zurückdrehen zu wollen. Familienpolitik ist heute ein Thema, dessen Bedeutung quer durch alle politischen Lager anerkannt ist.

Familien sind viele
Familie wird auch von Linken nicht mehr mit der ‚reaktionären‘ Kleinfamilie und patriarchalischer Tyrannei gleichgesetzt. Warum auch? Schließlich hat sich die Lebensform Familie längst modernisiert und vervielfältigt. Familiengründungen entspringen heute – im Gegensatz zu den einengenden Familien der fünfziger Jahre in Ost- und Westdeutschland – einer freien Wahl. Dies hat zu einer Familienvielfalt geführt. Unterschiedlichste Modelle sind entstanden: Alleinerziehende mit Kindern, Familien mit Alten, Familiennetzwerke, gleichgeschlechtliche Partner mit Kindern und weiterhin – zahlenmäßig vorherrschend – die neuklassische, ‚aufgemischte‘ und ‚aufgelockerte‘ Kleinfamilie.

Alt- und neukonservative Kritiker, die in diesem gelebten Pluralismus wertfreie Beliebigkeit und maßlosen Individualismus sehen, verkennen, wie wichtig Werte des Zusammenlebens auch in den „neuen Familien“ sind: Verbindlichkeit, Solidarität, Fürsorge, Loyalität, Respekt und Mündigkeit, Altruismus und Liebe sowieso werden dort gelebt. Es geht um dauerhafte Bindung, um Verlässlichkeit und Verantwortung und übrigens auch um eine Verständigung über das, was man altmodisch Tugenden nennt. Schon allein die aktive Rolle vieler junger Väter bei der Erziehung spricht für den Willen zur Verantwortung. Sie wünschen sich eine enge Beziehung zu ihren Kindern und manche sind dafür auch bereit, im Beruf kürzer zu treten.

Entlastung von der Qual der Wahl
Viele möchten Familie, dennoch wird sie im öffentlichen Diskurs oft als Stress und Belastung – etwa im gängigen Begriff der „Doppelbelastung“ – gesehen. Dabei entlastet die Familien­gründung doch auch von der postmodernen Qual der Wahl, von der Aufgabe, sich täglich neu zu entwerfen, und von der Aufgabe, sich immer neue Partner wählen zu müssen oder als Partner gewählt zu werden. Familie verknappt die anstrengenden Optionen und ist zu einem Korrektiv in den vielbeschriebenen Tendenzen zu Deregulierung, Flexibilisierung und Prekarisierung geworden. Hinter ihr verbirgt sich auch eine tiefe Sehnsucht nach Orientierung. Jedoch darf diese Funktion der Familie nicht dazu führen, dass politische Probleme gewissermaßen an sie ‚outgesourct‘ werden. Familie ist nicht vorrangig dazu da, gesellschaftliche Verwerfungen und Auflösungserscheinungen zu kompensieren. Das wäre eine falsch verstandene Idee von Subsidiarität. Denn im Kern geht es immer noch um privates Lebensglück.

Grenzverhandlungen statt Kuschelpolitik
Eines ist auch klar: Familie ist zwar ein Konsensthema, das im Zentrum der politischen Debatte angekommen ist, jedoch längst kein Kuschelthema. Familienpolitik ist umstritten und umkämpft, und sie wird es auch bleiben. In vielen Diskussionen steht die grundsätzliche Frage auf dem Spiel, wie der Staat sich in das familiäre Zusammenleben einmischen soll. Nachdem die Familie viele Jahrhunderte wie von einem Schutzwall vor politischer Einflussnahme geschützt war – was die patriarchalische Macht und Gewalt des Familienoberhauptes und die Rechtlosigkeit der Frauen und Kinder begünstigte – steht es heute außer Frage, dass sie ein Ort politischer Regulierung sein kann. Nur wie weit darf diese gehen? Was soll erzwungen, was nur ermöglicht werden? Bei Themen wie Betreuung, Herstellung von Chancengleichheit für Kinder, Zugang zu Bildung und Kultur für Kinder geht es um komplizierte Grenzverhandlungen, um die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Familie und Politik. Nicht alle, aber viele der aktuellen politischen Debatten lassen sich als solche Grenzverhandlungen begreifen. Ganz prominent ist das aus grüner Sicht unsinnige Ehegattensplitting: Hier wird die kinderlose Hausfrauenehe subventioniert, also das traditionellste Familienmodell geschützt und gefördert. Diese Subventionen ließen sich viel sinnvoller in den Ausbau der Kinderbetreuung investieren.

Zuerst die Infrastruktur
Die Debatte um Betreuungsangebote ist übrigens das beste Beispiel für den angesprochenen ‚Konsens ohne Kuscheln‘: Alle sagen ja dazu, aber wenn es um konkrete Entscheidungen und Maßnahmen geht, dann zeigen sich die Unterschiede zwischen den politischen Lagern. So hat die Große Koalition das Elterngeld eingeführt, bevor sie über Wege zum notwendigen Ausbau der Betreuungsangebote nachgedacht hat. Gerade das Betreuungsgeld geht aber an der Grundfrage, wie wir die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten können, vorbei. Hier ist vielmehr eine massive gemeinsame Anstrengung von Politik und Gesellschaft erforderlich, eine Anstrengung über die Partikularinteressen einzelner Gruppen hinweg. Das Drehen an einzelnen „Stellschrauben“ hilft da nicht weiter. Ein großes Rad muss gedreht werden, um die Betreuungsinfrastrukturen entscheidend auszubauen und zu verbessern. Mit dem Aufbau einer flächendeckenden, qualitativ hochwertigen Betreuungsinfrastruktur für Kinder aller Altersstufen (wozu auch die Verbesserung der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern gehört) würden drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit die echte Wahlfreiheit für Eltern, sie verbessert die Möglichkeiten, Bildungsdefizite bei Kindern frühzeitig auszugleichen und damit Chancengleichheit herzustellen, und sie verbessert die Sozialkompetenz aller Kinder durch eine frühe Begegnung mit anderen Kindern, mit Gruppen und Gesellschaft.

Diese Ziele dürften für die Familienpolitik der Zukunft Herausforderung genug sein, werden aber von den Regierungsparteien bisher leider nicht konsequent angegangen.

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Buch

Katrin Göring-Eckardt
Leichter gesagt als getan – Familien in Deutschland
HERDER, 2006
192 Seiten, kartoniert
ISBN 978-3-451-05768-7


Aktuelles Heft Nr. 2-2008
Titelthema:
Familie

Titelfoto: Sabeth Stickforth

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