Kino
Wir wollten die
Freiheit mal spüren
von Jörn Hetebrügge, Fotos: Bernd Lammel, Stephan Lammel
Möchten Sie noch mehr lesen?
Jetzt abonnieren
Einen Kinofilm ohne Filmförderung zu drehen, das klingt hierzulande geradezu nach einem Abenteuer. Regisseur Peter Kahane und Produzent Sven Woldt haben es einfach gemacht.
In Deutschland wird Filmabspannen in der Regel wenig Beachtung geschenkt. Im Fernsehen werden sie oft gar nicht oder aber im Schnelldurchlauf gezeigt. Und in vielen Kinos geht, kaum dass der erste Abspanntitel über die Leinwand läuft, das Licht an, damit das Publikum ungehindert den Saal verlassen kann. Vielleicht liegt es auch an dieser nüchternen Praxis, dass eine grundlegende Eigenart des Kinos allgemein wenig Erwähnung findet: Dass ein Film nie nur von einem oder nur wenigen Menschen geschaffen wird, sondern durch die gemeinschaftliche Anstrengung einer Vielzahl von Spezialisten. Filmemachen ist Teamwork. Nicht zuletzt deshalb ist es auch eine so teure Angelegenheit.
Tatsächlich kostet ein deutscher Kinofilm im Schnitt zwei bis drei Millionen Euro. Das ist zwar nur der Bruchteil eines üblichen Hollywoodbudgets, wer sich jedoch regelmäßig Filme aus heimischer Produktion ansieht und dabei auch den Abspann bis zum Ende verfolgt, der weiß: Nur selten wird ein Film aus deutschen Landen projiziert, der nicht das Logo eines europäischen, staatlichen oder regionalen Filmförderprogramms oder eines öffentlich-rechtlichen Senders aufweist. Die finanzielle Unterstützung des Kinos durch die öffentliche Hand ist hierzulande offensichtlich unverzichtbar. Und angesichts des zurzeit viel zitierten Aufschwungs des deutschen Films gilt das bestehende Filmförderungssystem gemeinhin als Erfolgsmodell. Mögen kritische Stimmen auch einwenden, dass es in den vergangenen Jahren, trotz einer kräftigen Aufstockung der Fördermittel, durchaus nicht einfacher geworden sei, kleinere Filmprojekte umzusetzen, da die Vergabe der Gelder vor allem auf eine Standortförderung ziele – also eher filmwirtschaftlichen als filmkulturellen Zwecken diene.
Klein, aber fein – oder gar nicht
Gemessen am Budget gehört „Meine schöne Nachbarin“ zweifellos in die Kategorie der ganz kleinen Filme. Gerade einmal 110 000 Euro hat die Produktion gekostet. Ein Low-Budget-Projekt, das nur deshalb ohne jede finanzielle Förderung auskam, weil statt mit einer klassischen Filmkamera mit einer Videokamera gefilmt wurde – und nicht zuletzt, weil das komplette Team sich bereit erklärte, quasi zum Nulltarif mitzuwirken. Darum allerdings Systemkritik zu üben oder sich gar zum Rebellen im Filmförderland zu stilisieren, liegt dem Produzenten Sven Woldt genauso fern wie seinem Regisseur Peter Kahane. Für den Film habe von vornherein gegolten: Klein, aber fein – oder gar nicht, erzählt Woldt. Aus diesem Grund habe er auch nie vorgehabt, Fördergelder zu beantragen.
Seit 2002 ist der heute 42-jährige gebürtige Ost-Berliner Geschäftsführer von MediaPark, einer Produktion mit Sitz in Berlin-Adlershof, die, wie es im Firmenprofil heißt, klar „zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen und zum (Kino-)Film“ ausgerichtet ist. Als Produzent, so Woldt, sei er vor allem darauf aus, interessante Stoffe umzusetzen. Mit Kahane ist er befreundet, seit sich beide vor drei Jahren bei der Arbeit an einem TV-Krimi kennen lernten. Im Jahr darauf drehten sie gemeinsam den Dokumentarfilm „Tamara“, ein Porträt der verstorbenen Rocksängerin Tamara Danz und ihrer Band Silly, das von Arte coproduziert und 2007 auf der Berlinale uraufgeführt wurde. Warum die Zwei mit ihrer dritten Zusammenarbeit einen Abstecher in die Unabhängigkeit wagten? Woldt antwortet darauf schmunzelnd: „Wir wollten einfach mal das große Gefühl der Freiheit spüren“. Die Freiheit, eine Filmidee schnell und ohne größere Zugeständnisse umsetzen zu können.
Dass das nicht die Regel ist, weiß Peter Kahane, der seine Laufbahn Anfang der 80er Jahre bei der DEFA begann, aus eigener Erfahrung. Bei einigen seiner Filme habe er die Themen bestimmen können, erzählt der 58-Jährige. Sein besonderes Anliegen aber, „das Schicksal der Ostdeutschen zu begleiten“, konnte er längst nicht immer verfolgen. „Ein großes Thema“, findet der Filmemacher. Mit „Meine schöne Nachbarin“ greift er es wieder auf: Der Film handelt von einem pensionierten Polizisten, der, von schwerer Krankheit gezeichnet, in seiner Ost-Berliner Altbauwohnung ans Bett gefesselt ist. Seinen Sohn, der in Afrika offiziell einen Luxus-Club für Touristen managt, in Wahrheit dort aber als Krimineller Karriere gemacht hat, hat er seit zwanzig Jahren nicht gesehen. Nur die hübsche Mittdreißigerin von nebenan, eine im Privaten wie im Beruflichen glücklose Sängerin, kümmert sich liebevoll um ihn, wenn auch gegen Bares. Bis sich der Alte – den Tod vor Augen – entschließt, seinen Sohn zu sich zu holen, und es zu einem spannungsreichen Wiedersehen kommt.
Der Tod seines Vaters, so Kahane, habe ihn darauf gebracht, eine Vater-Sohn-Geschichte zu schreiben. Herausgekommen ist ein Film über drei Ostdeutsche, die sich allenfalls provisorisch im wiedervereinten Deutschland eingerichtet haben. Gedreht wurde er in einer Gegend von Berlin, in der die Wunden der Teilung noch immer sichtbar sind: An der Bornholmer Brücke, wo Prenzlauer Berg, Pankow und Wedding aufeinander stoßen. „Der aufgeschnittene Teil von Berlin“, nennt Kahane den Schauplatz: „Das Berlin, das ich liebe“. Ebenso originell wie der Blick auf die Hauptstadt ist, dass Kahane das ernste Thema in einer spielerischen Melange aus Dreieckskomödie, Melodram und Krimi behandelt. Von der Trennung zwischen „U“ und „E“, ein altbekanntes Phänomen im deutschen Kino, hält er offensichtlich wenig. „Die Denkerattitüde“, sagt er, „finde ich peinlich“.
Abenteuer in Afrika
Überhaupt schärft „Meine schöne Nachbarin“ ganz nebenbei den Blick für Posen und Klischees, die im Independent-Kino allzu oft als Ausweis von Originalität und Anspruch gelten. So zeigt der Film etwa, obwohl auf einer leichten Digitalkamera gedreht, keinerlei Ambitionen, einen Low-Budget-Stil zu kultivieren. „Die Dogma-Kamera kam mir immer schon unlauter vor“, meint Kahane dazu. Den Fokus richte er stets auf die Darsteller – was sicherlich auch ein Grund dafür ist, dass mit Jörg Schüttauf, Isabella Parkinson und Joachim Bißmeier durchweg bekannte Gesichter für die Hauptrollen gewonnen werden konnten. Er habe das Vertrauen des Regisseurs und seine Liebe zu den Figuren gespürt, berichtet denn auch Bißmeier, dem die Rolle des alten Mannes geradezu auf den Leib geschneidert scheint. Für den gebürtigen Bonner, der seit langen Jahren in Wien lebt und arbeitet, war es das erste Filmprojekt dieser Art. Die Figur des Kranken „mit seiner Rechthaberei in kleinen Dingen und seiner Hilflosigkeit“ habe ihn interessiert, weil sie sehr genau beobachtet sei.
Grundsätzlich glaubt Bißmeier keineswegs, dass ein „freier“ Film automatisch gut sein müsse. In diesem Fall aber sei ohnehin alles „streng nach Plan“ gelaufen. Tatsächlich stand für die 21 Drehtage ein Team mit über 20 Mitarbeitern zur Verfügung – was immerhin mehr als die Hälfte eines üblichen Stabes ist. Dass die Crew mit vielen Kinoneulingen besetzt war, sei gar nicht aufgefallen, erzählt das ehemalige Ensemblemitglied des Burgtheaters. „Es war so, wie es sein sollte.“ Dass hier und da freilich improvisiert wurde, um Kosten zu sparen, verdeutlicht Szenenbildner Guido Frinken mit einer hübschen Anekdote: Das Kopfkissen im Bett des alten Mannes gehörte früher seiner Großmutter. Ansonsten bestätigt Frinken, der erstmals an einem Kinofilm mitwirkte, dass es am Set sehr diszipliniert zugegangen sei. „Nur die Hierarchien waren recht flach“ – ganz so, als habe man einen Film unter Freunden gedreht.
In gewisser Weise könnte man „Meine schöne Nachbarin“ also als Experiment bezeichnen: Als Versuch, die Freiheiten eines Low-Budget-Projekts mit den Möglichkeiten eines professionellen Drehs zu verbinden. Und wirklich habe man den Mangel an Geld durch Erfahrung und Enthusiasmus ausgleichen können, meint Kahane – mit einer Ausnahme: Irgendwann sei er zu der Überzeugung gelangt, dass das Umfeld des Sohnes in Afrika gezeigt werden müsse. Also reiste ein kleines Drehteam ohne größere Vorbereitung nach Senegal. Denn: „Wir dachten, wir bräuchten echte Bilder und keine aus Tropical Island“, schüttelt sich Sven Woldt. Eine dumme Falle, wie sich zeigen sollte. Die Bedingungen vor Ort entsprachen nämlich überhaupt nicht den Erwartungen. Und so sucht man im fertigen Film denn auch vergeblich nach Bildern aus Afrika. Die zunächst verwendenten Einstellungen erwiesen sich schlicht als störend. Am Ende empfahl dann die Schnittmeisterin: „Ach, schmeißt das raus!“
Das Afrika-Abenteuer verbucht Sven Woldt inzwischen als „Lehrgeld“. Dass Peter Kahane und er sobald dennoch kein vergleichbares Projekt in Angriff nehmen wollen, hängt wohl eher mit einer anderen Erfahrung zusammen: Einer unabhängigen Produktion fällt es schwerer, einen Verleih zu finden. Immerhin feierte „Meine schöne Nachbarin“ Anfang April im Berliner Filmkunsthaus Babylon schon mal seine Teampremiere. Mit vollem Abspann, versteht sich. Und der sei bei solchen Filmen immer besonders lang, klärt Peter Kahane auf: „Weil man sich bei so vielen Leuten bedanken muss.“