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Wirtschaft

von Alexander Ross, Fotos: Joachim Schumacher

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Solange die Gegenwart noch Geld verdient, hat die Zukunft es schwer. Eine prominent besetzte Tagung der Kölner Journalistenschule zeigte: Wenn es unsicher wird, glauben Medienmacher lieber an sonstige Erlöse als an die Kraft des Neuen.


Wer Medienmacher auf einem Podium zusammenbringen will, die sich im täglichen Wettbewerb oft nicht das Schwarze unter dem Fingernagel gönnen, der wählt am besten einen neutralen Ort mit gutem Segen. Beim „Tag des Wirtschaftsjournalismus“ der Kölner Journalistenschule Anfang April erfüllte das Maternushaus diese Anforderung vielleicht auch deshalb, weil es zur marktführenden Kirche der Stadt gehört.

Schon das Tagungsmotto war für die 180 Teilnehmer, darunter viele Journalistenschüler und Ehemalige, wohl mehr als nur eine Glaubenssache: „Eine Frage der Qualität – Welcher Wirtschaftsjournalismus hat Zukunft?“ Zu den rund zwanzig Referenten zählten Chefredakteure wie Klaus Schweinsberg (Capital), Roland Tichy (Wirtschaftswoche), Steffen Klusmann von der FTD und Bernd Ziesemer vom Handelsblatt, Arno Balzer (Manager-Magazin) und Gabriele Fischer von brand eins.

Wenn Bruno fragt, dann kommen die“ – so der kurze Nenner eines Studenten der Kölner Schule für die Besetzung. Bruno, das ist Ralf-Dieter Brunowsky, zehn Jahre lang Capital-Chefredakteur und heute unter anderem Vorsitzender der Journalistenschule. Er gewann darüber hinaus auch Robert von Heusinger, von der ZEIT zur Frankfurter Rundschau gewechselt, genau so wie Rainer Hank von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der in den Augen so manches Kongressbesuchers schon jede Woche ein Modell künftiger Wirtschaftsteile vorlegt, sowie Ulrich Schäfer und Oliver Santen, die Wirtschafts-Chefs der Süddeutschen und von BILD.

Nun steht ein solcher Catwalk prominenter Namen meist vor dem Problem des Abgleitens in Nabelschau, folgenlose Selbstkritik und gute Ratschläge für Andere. Dass es in Köln nur selten dazu kam, lag auch an der klugen Programmgestaltung. Das branchenübliche Treibhausklima wurde vermieden, indem man die Fenster zur Welt weit aufmachte und internationale Journalisten einlud wie John Lloyd aus Großbritannien, Thalekkara Arun aus Indien und James Spanfeller, den CEO von Forbes.com aus den USA.

Gabriele Fischer (brand eins)

Spanfeller zeigte, wie man bei einer Medienmarke wie Forbes das Papier mit dem Bildschirm verbindet, obwohl beide Bereiche redaktionell wie wirtschaftlich getrennt sind. „Wir haben heute sechsmal so viele Reporter und journalistische Mitarbeiter an den Desks wie noch vor vier Jahren. Wir sind der weltgrößte Distributor von Wirtschaftsnews.“ Heute liegt Forbes.com mit über 25 Millionen Unique Visitors mit weitem Abstand vor den Online-Angeboten anderer internationaler Wirtschaftsmedien wie WSJ.com vom Wall Street Journal oder FT.com der Financial Times.

Wo Medienmacher sonst in Ehrfurcht verstummen, zeigte Bernd Ziesemer den Blick für die Realität: der wahre Wettbewerb seien die Portale, und auch 25 Millionen Besucher seien „Peanuts“ gegenüber Google, so der Handelsblatt-Chefredakteur. „Das Internet braucht sie nicht. Aber sie brauchen das Internet.“ Ewald Wessling beantwortete die Frage nach den „Gewinnern und Verlierern im medialen Umbruch“ eher drastisch. Der Berater und Professor für Medienmanagement war auch Verlagsleiter, unter anderem bei Gruner+Jahr. Gewinnen wird laut Wessling, wer seine Kunden versteht, ihre Wünsche erfüllt und in eine treue Gemeinde verwandelt.

Trotzdem gehe man immer noch an der Realität der Wirtschaft und der Leser vorbei: „Der Mittelstand existiert nicht auf der Weltkarte, die der Wirtschaftsjournalismus heute zeichnet.“ Er sieht auch klare Verlierer, etwa die Börsenbriefe. Und mit einer versteckten Referenz an James Surowiecki, den Wirtschaftskolumnisten des US-Magazins The New Yorker und Autor des Buches „Wisdom of the crowds“ fragt Wessling: „Warum soll der eine Autor schlauer sein als die vielen, mit denen ich kommuniziere?“ Als Gabriele Fischer ihm am Rednerpult folgte, gab sie ihre Antwort darauf: „Wirtschaftsjournalisten wissen schon alles. Das ist das Problem.“

Das gilt auch für das Internet: Die geringe Begeisterung der anwesenden Medienmacher für das Internet forderte Widerspruch aus dem Publikum heraus. So beklagte Julia Endert von „Handelsblatt.com“ die „Begräbnisstimmung“, sobald von Online gesprochen werde. Den Chefs empfahl sie als Therapie: „Gehen Sie mal in eine Online-Redaktion – da wird getwittert, gebloggt, da werden Filme gedreht.“

Bei Thalekkara Arun hingegen ist die Print-Welt noch in bester Ordnung. Der Resident Editor der Economic Times aus Neu Delhi sagt denn auch: „Wir haben keinen Niedergang, sondern Neugründungen bei Wirtschaft-Printmedien.“ Wohl auch aus einem einfachen Grund: gerade einmal über 3 Millionen Internet-Anschlüsse kommen auf über 1,1 Milliarden Inder.

Von links: John Lloyd, Veranstalter Ralf-Dieter Brunowsky (Kölner Journalistenschule) und Gabriele Fischer

Für John Lloyd ist daher klar: „Im Jahr 2020 kommen die größten Wirtschaftsmedien der Welt aus Indien und China.“ Lloyd ist Direktor des „Reuters Institute for the Study of Journalism“ an der Universität Oxford und Editor der Financial Times. Der aktuell siebte indische Wirtschaftstitel wird als eine der Neugründungen mit Unterstützung der FT derzeit aufgebaut.

Denn Lloyd ist skeptisch gegenüber derzeitigen großen Erwartungen in Online-Geschäftsmodelle: „Web 2.0 may be social capital – but who will make a buck?“ Meinungen seien billiger als News, und bei den Verlagen gehe es in Richtung „newspapers as department stores“. Zeitungen als Kaufhäuser – eine Branchenentwicklung, die Capital-Chef Klaus Schweinsberg ironisch kommentierte: „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auch Kühlschränke und Unterwäsche verkaufen.“

Für Arun wie Lloyd ist deshalb eine Frage entscheidend: Wo verläuft die Grenze zwischen „News und Deals“, zwischen Bericht und Beeinflussung aus dem eigenen Haus? Mit Blick auf Rupert Murdoch ist das für Lloyd sogar die größte Herausforderung an den Wirtschaftsjournalismus der Zukunft. Denn erst wenn etwas verschwunden ist, stelle man fest, wie wertvoll es war. Das gelte weniger für „ink on paper“ als vielmehr für die Grundwerte. Es brauchte einen Briten, um das Podium daran zu erinnern, worauf es wirklich ankommt: „Wir müssen nicht die Zeitungen retten, sondern den Journalismus. Er ist lebensnotwendig für die Demokratie.“

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Autor

Alexander Ross
ist Wirtschaftsjournalist und Buchautor. Er schreibt für Handelsblatt, SPIEGEL Online und Magazine.
Foto: Tilo Riolo


Aktuelles Heft Nr. 2-2008
Titelthema:
Familie

Titelfoto: Sabeth Stickforth

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