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Ausland

Ehre für die Menschenfresser

von Olga Kitowa Fotos: Musa Sadulayev

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Menschenrechtsorganisationen halten den Mann für einen Verbrecher. In Tschetschenien selbst blüht der Personenkult für Ramsan Kadyrow. Der tschetschenische Präsident wurde Anfang März in die Journalistenunion aufgenommen. Die Anullierung seines Beitritts durch die Moskauer Leitung der Berufsvertretung führte zu personellen Konsequenzen und Offenbarungen bemerkenswerter Berufsauffassungen. Ein Zustandsbericht des russischen Journalismus.


Der ehemalige Kämpfer und der jetzige Präsident von Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, wurde am 5. März in die Journalistenunion Russlands (JUR) aufgenommen. Bei der Überreichung des Presseausweises wurden seine „unüberschätzbaren Verdienste beim Aufbau des tschetschenischen Journalismus“ gewürdigt. Journalist Kadyrow rief dann die Kollegen auf: „Kein einziger Mangel darf von den Medien außer Acht gelassen werden.“ Bereits am folgenden Tag wurde er wieder aus der Journalistenunion entlassen. Die Leitung der Journalistenunion in Moskau annullierte den Beschluss der lokalen Unionsorganisation.

Einwohner aus Groszny auf der Suche nach ihren vermissten Angehörigen

Die Posse dauerte nur zwei Tage. Nun versucht man, sich nicht mehr daran zu erinnern. Abgeschlossen und vergessen, als ob es nichts gewesen wäre. Warum? Eigentlich haben diese zwei Tage die ganze Geschichte unseres Landes in den letzten Jahrzehnten in sich aufgenommen. Wie der Chemiker beim Blick eines kleinsten Teils das chemische Element, seine Eigenschaften und Reaktionen definieren kann, genauso haben auch diese zwei Tage den Zustand des russischen Journalismus und des ganzen Landes demonstriert.

Meine erste Reaktion auf diese Neuigkeit war das Erstaunen. Ich habe gleich bei Aleksej Simonow, dem Leiter der Stiftung des Schutzes von Glasnost angerufen. Als Antwort gab es ein langes Schweigen. „Sind Sie sprachlos?“ fragte ich. Schließlich antwortete er: „Ja, ich bin sprachlos…“ Emotionen beiseite – schauen wir uns die formale Seite an. Die Voraussetzungen für die Mitgliedschaft in der JU sind die Tätigkeit bei einem Medium, die Empfehlungsschreiben von einigen Mitgliedern der JU und schließlich ein Antrag an die lokale Journalistenorganisation.

Niemand hat je gehört, dass Kadyrow einen Journalistenberuf oder einen anderen Beruf akademisch erworben hatte. Als Journalist hat er sich nie betätigt. Der Generalsekretär der Journalistenunion Igor Jakowenko bestätigte mir: „Ich persönlich kannte die Tätigkeit des Journalisten Kadyrow nicht. Ich weiß nicht, in welchen Medien er gearbeitet hat. Ich habe nichts gelesen, nichts gehört, nichts gesehen… Aber unserer Satzung zufolge entscheiden die regionalen Organisationen über den Eintritt. Ich verstehe sehr gut, in welchen Zwängen sich tschetschenische Journalisten befinden, und ich kann ihre Motive nachvollziehen. Das ist ein Selbsterhaltungsversuch. Die Zeiten kommen zurück…“ Aleksej Simonow war der gleichen Meinung: „Die Situation im Land verändert sich so, dass die Journalisten bereit sind, jeden aufzunehmen, um sich selbst von weiteren ,Verfolgungen‘ zu schützen.“

Ramsan Kadyrow nicht nur Ehrenjournalist. Er ist auch ein Ehrenmitglied der Akademie der Tschetschenischen Republik, Ehrenmitglied der russischen Naturwissenschaftsakademie, der Preisträger des Preises „Die silberne Taube“ (des Symbols des Friedens), der Träger des Ordens namens seines Vaters aus purem Gold mit Diamanten und des höchsten Verdienstes unseres Landes „der Held Russlands“ (laut einem Ukas des ehemaligen Präsidenten Putin), „ein ausgezeichneter Bauherr der Tschetschenischen Republik“. 2007 wurde er als „der russische Bürger des Jahres“ in der Nominierung „Für das Leben auf Erde“ ausgezeichnet. Dennoch muss man zugeben, dass es viele Würden gibt, die den Träger noch nicht gefunden haben. Da wären noch die Titel „Der beste Freund der Kinder“ oder „der beste Freund der Sportler“. Väterchen Stalin lässt grüßen.

Scharfschütze der berüchtigten Sicherheitstruppe „Kadyrowzy“

Meine erste Reaktion war, aus der Journalistenunion auszutreten. Man hat in der Gesellschaft von Kadyrow nichts zu suchen. Danach dachte ich, warum soll ich aus meiner Union austreten, warum sollen wir unsere Union Kadyrow überlassen. Es war klar, dass viele Journalisten empört sein werden. Wir sollen uns von Kadyrow befreien! Es folgten zwei Austrittsanträge von Moskauer Journalisten. Einer von ihnen war der Chefredakteur von Nowaja gaseta Dimitri Muratow, der kategorisch betonte, dass er es ablehnt, „in einer Union mit den Menschenfressern zu sein“. Man muss zugeben, dass die Situation der Führung der JU nicht einfach war. Vor allem wollte man den tschetschenischen Journalisten nicht schaden. Die Rede ist nicht von Berufsrisiko, sondern von Lebensrisiko. Ausschließlich so kann man den Wunsch der Leitung erklären, den Skandal erst totzuschweigen und am nächsten Tag dennoch bekanntzumachen, dass der Eintritt von Ramsan Kadyrow annulliert wurde. Allerdings wurde er aus einem formalen Grund entlassen: Kadyrow arbeite nicht bei einem Medium, habe keine Veröffentlichungen und sei kein professioneller Journalist. Grundsätzlich wurde betont, man „sollte sich nicht im Rahmen der Organisation mit Politik befassen“.

Ich war damit nicht ganz einverstanden. Ich fand, dass man Kadyrow nicht aus formalen Gründen ausschließen sollte. Der Generalsekretär der JU Igor Jakowenko gab zu: „Mitgliedschaft des Präsidenten der Republik, in der es keine Pressefreiheit gibt, in der Journalistenunion, ist eine Ohrfeige für Alle, die bei den Medien tätig sind.“ Aber die Kollegen dem Risiko aussetzen… Ich war sicher, dass diese Unentschlossenheit neue Probleme bringen würde. So ist es auch passiert. Statt zu enden, entflammte der Skandal mit neuer Kraft. Tschetschenische Journalisten erklärten aus Protest ihren Austritt aus der JUR. Bei einer Versammlung kritisierten sie heftig die Führung der JUR. Manche von ihnen konnten einfach nicht begreifen, warum der Präsident keinen Mitgliedschaftsausweis haben konnte. Eine der Kolleginnen sagte: „Wir wollten Ramsan Kadyrow etwas Gutes tun.“

23. Mitgliederversammlung der JU
Am 22. April fand die Mitgliederversammlung der Journalistenunion Russlands statt. 650 Delegierte waren dort anwesend. Offiziell war der kurze Aufenthalt von Ramsan Kadyrow in der JUR kein Thema. Am Rande bemerkte eine Journalistin: „Was haben wir damit zu tun? Aufgenommen, na und? Wen hat es gestört?!“ Es sieht so aus, als berühre das Ereignis nur Einzelne der 100 000 Mitglieder. Der Vorsitzende der JUR Bogdanow wusste vom Eintritt des tschetschenischen Präsidenten in die JUR und hat sogar seinen Mitgliedschaftsausweis unterschrieben. Nach dem Skandal besuchte Bogdanow die Hauptstadt von Tschetschenien, um sich bei Kadyrow persönlich zu entschuldigen. Pikantes Detail oder nichts dabei? Bei der Mitgliederversammlung wurden unsere zahlreichen toten Kollegen nicht einmal erwähnt. Ich dachte an eine Schweigeminute, weil ich in Deutschland erlebte, wie der toten Kollegen gedacht wird. Mir schien es schrecklich, dass wir so etwas nicht hatten.

Der Inhalt der Reden lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Auseinandersetzung mit der Politik und der Konflikt mit der Macht sollen auf der Stelle aufhören. Der Redakteur von der Rossijskaja gaseta sagte: „JUR arbeitet schlecht mit der Macht… hat sich von der Macht entfernt.“ Jemand forderte: „Man soll der Macht beweisen, dass sie ohne uns nicht auskommen kann… Das wird uns noch anerkannt, glauben Sie mir.“ Eine Delegierte aus der Republik von Udmurtijen fand: „Das Verhältnis zur Macht soll verbessert werden, anders geht es nicht!“ Schließlich waren sich alle einig und opferten den Generalsekretär Igor Jakowenko, der sich politische Äußerungen erlaubte. Er störte beim Aufbau guter Beziehungen zur Macht. Der Posten des Generalsekretärs wurde mit der Mehrheit der Stimmen liquidiert. Ein Delegierter erklärte mir: „Ich bin glücklich! Endlich ist er weg!“ Ich habe ihn gefragt, warum. Er antwortete: „Weil ich Putin liebe, und er nicht!“

übersetzt von Olga Stepanova-Wittern

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Autor


Olga Kitowa
ist eine der bekanntesten Journalistinnen Russlands. Sie war Chefredakteurin der „Komsomolez Sabaikalja“, schrieb für die überregionale „Obschtschaja Gaseta“ und die „Belgorodskaja Prawda“. Ab 1997 gehörte sie als parteilose Abgeordnete dem Regionalparlament von Belgorod an.
Foto: Bernd Lammel


Aktuelles Heft Nr. 2-2008
Titelthema:
Familie

Titelfoto: Sabeth Stickforth

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