Ausland
Korrespondenten
an der Grenze
von Yaotzin Botello Fotos: Bernd Lammel
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Für Lateinamerika hat die Außenpolitik der USA eine ganz andere Bedeutung als für Europa. Die Fokussierung auf den Krieg im Irak löst Befürchtungen aus. Zu viele lebenswichtige Probleme in der Region könnten vernachlässigt werden. Wie die Medien in Lateinamerika über den US-Wahlkampf berichten.
„Ich habe große Lust, mich mit dem Präsidenten von Mexiko zusammenzusetzen und mit ihm darüber zu sprechen, wie man mit seiner Regierung zusammenarbeiten kann. Aber vor allem möchte ich eine sehr gute Beziehung mit dem mexikanischen Volk haben, damit wir vereint unsere gemeinsamen Probleme lösen können.“ Das sagte Barack Obama in einem Exklusivinterview mit der mexikanischen Zeitung Reforma, kurz vor Ende seines Wahlkampfs im US-Bundesstaat Texas. Reforma gilt als eine der einflussreichsten Zeitungen in Lateinamerika. Das Interview mit Obama war am 29. Februar diesen Jahres der Aufmacher der Zeitung.
Die Wahlen in den USA sind weltweit in den Medien das Thema des Jahres. Aber mehr noch als in Europa oder anderswo sind sie es in den Ländern in unmittelbarer Nähe zum Imperium der Stars and Stripes. In Lateinamerika. Das liegt zum einen daran, dass die US-Medien einen großen Einfluss auf die Medien in Lateinamerika haben. Viele Zeitungen drucken ganze Seiten aus US-Zeitungen nach und benutzen vor allem US-Nachrichtenagenturen. Fernsehsender aus den USA, die viele Lateinamerikaner empfangen können, sind beliebt.
Auf die öffentliche Meinung in Lateinamerika Einfluss nehmen zu können, ist aus verschiedenen Gründen für die USA von Bedeutung. Es gibt viele Themen, die den ganzen amerikanischen Kontinent betreffen. Etwa der Drogenhandel und die damit verbundene Kriminalität. Wirtschaftliche Verbindungen, der Freihandelspakt, die US-amerikanischen Produktionsstätten in Mexiko und Mittelamerika. Der Umgang mit Kuba. Guantanamo. Und natürlich die Migration von Millionen von Latinos in die USA.
Ein Mexikaner überwindet in der Stadt Nogales die Grenzanlagen in die USA
Der Krieg im Irak tritt hinter diesen Themen zurück. Das Thema hat für Lateinamerika eine andere Bedeutung als für Europa. Es geht nicht darum, sich an dem Krieg direkt zu beteiligen oder nicht. „Es geht darum, was passiert, wenn der Irak-Krieg das einzige Thema der US-Außenpolitik ist: Dann werden die Beziehungen zu Lateinamerika eingefroren und für uns äußerst wichtige Themen wie das der Migration stehen hintenan“, sagt Témoris Grecko, ein mexikanischer Journalist, der auf internationale Themen spezialisiert ist. Grecko hat vor einiger Zeit den Blog Mundo Abierto gegründet, in dem es zur Zeit vor allem um die US-Wahlen geht.
Wenn die USA immer mehr Geld in Kriege im Nahen Osten investieren, heißt das, dass sie immer weniger in Lateinamerika investieren. Wichtigen Programme zur Armutsbekämpfung fehlen die Mittel. Aber nicht nur das. Es gibt keine gemeinsamen Beratungen mehr, keine Aufmerksamkeit für den Kontinent, keine Möglichkeit, neue Handelsabkommen zu beraten. Ein Teufelskreis. Das sind die großen Themen, wenn die lateinamerikanischen Medien über die bevorstehenden Wahlen in den USA berichten. Und sie berichten ständig. Alle wichtigen Zeitungen haben Seiten für die Wahlberichterstattung im Internet eingerichtet, mit Information über jede Vorwahl, Porträts der Kandidaten und Blogs: „Elecciones EU 2008“ heißen diese Sonderseiten in Spanisch oder „Eleições nos EUA 2008“ in Portugiesisch.
Die Medien haben für die US-Wahlen umfangreich vorausgeplant: neue Mitarbeiter wurden unter Vertrag genommen, Themen mit Korrespondenten und Kolumnisten weit im Vorraus abgesprochen. Im November werden zusätzliche Korrespondenten in die USA reisen. „Für uns sind die Wahlen das wichtigste Thema des Jahres. Schon einige Vorwahlen waren wichtiger als die Innenpolitik. In den Tagen vor und nach der tatsächlichen Wahl im November wird es für uns ganz sicher kein wichtigeres Thema geben“, sagt Wilson Cabrera, der bei der mexikanischen Zeitung Reforma für die Auslandskorrespondenten zuständig ist.
Die Ressortleiter der Zeitung, deren Kolumnen und Nachrichten in vielen lateinamerikanischen Medien nachgedruckt werden, haben bereits im Januar 2008 in einer großen Sitzung über die Wahlberichterstattung beraten. Reforma hat ständig drei Korrespondenten in den USA – jeweils einen in Los Angeles, Washington und New York. Ab September wird Reforma zusätzlich drei Korrespondenten auf Zeit in die USA schicken. „Die Migration, der Freihandelspakt und der Drogenhandel, das sind die wichtigsten Themen rund um die Wahlen für uns – vor allem, wenn es einen Bezug zu Mexiko gibt“, sagt Cabrera.
Mexikanische Polizei kontrolliert illegale Auswanderer
Nach Schätzungen des US-Zensus stieg die Zahl der Latinos in den USA im Jahr 2007 auf 44,3 Millionen. Ein neuer Rekord. Die Latino-Bevölkerung wächst vier mal schneller als der nationale Durchschnitt. In der selben Schätzung lag die Zahl der Afroamerikaner bei 40,2 Millionen. In der Rangfolge der Länder, in denen am meisten Spanisch gesprochen wird, liegen die USA auf dem vierten Platz, hinter Mexiko, Spanien und Kolumbien.
Viele der Latinos in den USA sind illegal über die mexikanische Grenze in ihre neue Heimat gekommen. Bis zu Tausend kommen immer noch Tag für Tag. Oder sie versuchen es und bezahlen mit ihrem Leben. Sie werden von rechtsextremen US-Bürgerwehren ermordet. Andere werden von der Polizei misshandelt und zurückgeschickt. Die, die es schaffen, in den USA zu bleiben, leben jahrelang ohne soziale oder politische Rechte. „Uns interessieren die Geschichten der Einwanderer sehr und die Einwanderungspolitik, die eine neue Regierung der USA verfolgen wird. Deswegen werden die drei zusätzlichen Korrepondenten, die wir ab September entsenden, vor allem im Süden der USA arbeiten,entlang der Grenze“, sagt Wilson Cabrera von der Zeitung Reforma. Es gehe darum, herauszufinden, wie es mit dem Bau der geplanten Mauer weitergeht und was sich für die illegalen Einwanderer verändern wird.
Alles, was mit der Migration zu tun hat, ist in den Medien von Mexiko, aber auch in Mittelamerika, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien wichtig. Anders in Argentinien. Das hat damit zu tun, dass aus Argentinien nicht so viele Menschen auswandern, und wenn, dann eher nach Europa. Trotzdem gibt es in Argentinien Solidarität gegenüber den Problemen der anderen lateinamerikanischen Länder, und die Argentinier teilen das Gefühl, von den USA vergessen worden zu sein. „Im Radio wird viel über die Mauer an der Grenze zwischen Mexiko und den USA berichtet. In den Zeitungen geht es nicht mehr so oft um die typischen Migrationsthemen. Eher darum, ob es nach der Bush-Ära wieder Beziehungen zu Lateinamerika und Argentinien geben wird“, sagt Jorge Elías. Er leitet die Meinungsseiten der Zeitung La Nación, einer der wichtigsten in Argentinien. Elías sagt, dass die Medien in seinem Land eher optimistisch sind, was diese Frage betrifft. Bevor er die Meinungsseite von La Nacíon übernahm, war Elías selbst Korrespondent in Washington. Er sagt, er wisse deshalb, dass das enorme Interesse, dass es in Lateinamerika für die USA gibt, einseitig sei. Die Medien in den USA würden Ereignissen im Rest des Kontinents wenig Bedeutung beimessen.
Auf die Frage, welchen der drei verbliebenen Präsidentschaftskandidaten die Medien in Argentinien unterstützen, sagt er: „In den Leitartikeln meiner Zeitung gibt es keine Präferenzen, weder für Hillary, noch für Obama oder McCain. Kein Kandidat ist ein besonders konservativer Republikaner, deswegen macht uns keiner Angst.“ Obwohl das, was Elias sagt, für die Medien in ganz Lateinamerika gilt – es gibt keinen klaren Lieblingskandidaten – teilen alle Medien die Ablehnung des Bush-Regierung und unterstützen eher die Demokraten. Von der Juventud Rebelde in Cuba, über El Comercio in Peru bis hin zu La Nación in Argentinien, überall werden die Republikaner kritisiert. Diese Kritik könnte zu einem Automatismus in den Medien werden, sagt Wilson Cabrera von der Zeitung Reforma. Témoris Grecko vom Blog Mundo Abierto geht sogar noch weiter: Er ist der Meinung, dass der beste Kandidat für Lateinamerika der Republikaner ist. „McCain ist derjenige, der sich am meisten mit der Migration befasst hat und dieses Thema am ernstesten nimmt“, sagt Grecko. Der Automatismus, die Republikaner abzulehnen, könnte in den Medien zu einer Art Desinformation führen, sagt er
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