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Titelthema: Deutschland

Das Grauen

von Michael Streck

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Michael Streck war sechseinhalb Jahre lang Korrespondent des stern in New York. Im Februar kehrte er zurück nach Deutschland. Die Wiederbegegnung mit den deutschen Medien wurde zur Tortur – Stagnation, Ideenlosigkeit und Flachsinn sind die milderen Diagnosen. Eine Philippika


Wir kamen zurück, stiegen in eine Zeitmaschine und fühlten uns plötzlich entsetzlich alt. Die erste Erfahrung mit deutschem Fernsehen nach sechseinhalb Jahren im Ausland war erschütternd. Du stellst den Kasten an und denkst: ‚Den kenn ich doch, nur grauer geworden‘. Du schaltest um, siehst ein anderes altes Gesicht: ‚die kenne ich doch, nur ein bisschen geliftet‘. Beim Zappen durch sämtliche Kanäle vergeht eine halbe Stunde, die einem vokommt wie zwei Stunden. Ermattet schaltest Du ab und bekommst Heimweh nach Amerika.

In Deutschland gibt es nichts Neues. Alles ist nur älter und grauer. Das gilt nicht nur samstags bei den nervtötenden Alpen-Shows, deren Inhalt schon der völlig vergreisten Bevölkerung vorgreift. Das ist schön für Oma und Opa – und grausam für den Rest der Welt. Das Scheintoten-Fernsehen treibt nicht nur die Jungen ins Internet, was ja nicht weiter schlimm ist. Es vermittelt obendrein flächendeckend das Bild vom krachledernen Teutonen. Das ist nicht nur für Heimkehrer abstoßend.

Abseits davon ist der Erkenntnisgewinn nicht viel größer. Es kernert und jaucht und beckmannt und maischbergert und illnert und willt im Fernsehen. Mal mehr, mal weniger gedankenschwer, meist aber gewollt bedenkenschwer. Wenn man fragt, warum in knapp sieben Jahren nicht einer mal den Sprung aus der zweiten Reihe geschafft hat, wird von Freunden und Kollegen flott auf Frank Plasberg verwiesen. Der sitzt aber in Wahrheit noch immer in der zweiten Reihe beim Ersten.

Falls zufällig ein neues Gesicht wie das von Oliver Pocher auftaucht, schämt sich das deutsche Feuilleton erst über dessen Proll-Humor und versucht hernach, den Proll-Humor mit Anarchismus zu übersetzen, weil Millionen Bild-Leser und Pocher-Freunde vielleicht doch nicht irren. Bis heute kann sich das Feuilleton nicht entscheiden, was Herr Pocher nun ist: Anarchist oder Arschloch. Vielleicht ist er ja beides? Ist das verboten?

Die groteske Debatte könnte damit zusammen hängen, dass „Mainstream“ ein Igitt-Wort ist in Deutschland. Noch so eine germanische Eigenart. Hier wird, einzigartig auf unserem Planeten, immer noch U und E unterschieden. Als könne eine Lesung von Enzensberger, Grass oder Charlotte Roche nicht zugleich unterhaltend und ernst sein. Das tut regelrecht weh.

Es ist ein in Europa weit verbreitetes Vorurteil, wonach Amerikaner oberflächlich, kulturlos, naiv und un­gebildet seien. Wer jemals einen Buchladen in den Vereinigten Staaten betreten und dort die Regale mit zeitgeschichtlicher Literatur gesehen hat, wird seine Meinung sofort revidieren. Was dort Monat für Monat allein an politischen Büchern auf den Markt kommt, ist einzigartig, quantitativ wie qualitativ. Und die hohe Qualität gilt in großen Teilen auch fürs Fernsehen: Das Niveau von Dokumentationen, vor allem der des Public Broadcasting Service (PBS), ist herausragend.

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Autor

Michael Streck arbeitete früher für „Welt“, „Welt am Sonntag“ und das Magazin „Sports“. 1996 wechselte er zum „stern“, schrieb zunächst für das Deutschland-Ressort und wurde im August 2001 US-Korrespondent mit Sitz in New York. Im September erscheint bei Malik sein Buch „Stars and Stripes und Streifenhörnchen“, eine satirische Aufarbeitung seiner Zeit in den Vereinigten Staaten.

Buch

Michael Streck:
„Stars and Stripes und Streifen­hörnchen“
Malik, erscheint September 2008
320 Seiten, Illustr. von Til Mette
ISBN-10: 3-890-29350-6


Aktuelles Heft Nr. 3-2008
Titelthema:
Deutschland

Titelfoto: Bernd Lammel

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