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Titelthema: Deutschland

Betriebsausflug mit Günter Wallraff

Interview S. Pamperien und B. Schellong-Lammel

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Seine Recherchemethode hat unter dem Begriff „Wallraffa“ sogar Eingang in skandinavische Lexika gefunden. Mit seinen aktuellen Reportagen über die Arbeitsbedingungen in deutschen Unternehmen ist Günter Wallraff wieder in aller Munde. Längst arbeitet er an der nächsten Enthüllung. Berliner Journalisten machte mit der Journalisten-Legende einen Betriebsausflug. Streng geheim und undercover besuchten wir erst gemeinsam einen Biergarten und chauffierten Wallraff dann in sein neues Einsatzgebiet.


Könnte es sein, dass es in Deutschland eine Zeit gab, in der es kaum Stoff für Ihre Reportagen gab? So eine Art sozialer Balance?
Nein! Die Themen waren immer da. Ich hatte große gesundheitliche Probleme und brauchte Jahre und einen großartigen Operateur, um überhaupt wieder körperlich belastbar für meine Art der Recherche zu werden. Ich konnte lange nur auf Krücken gehen und musste wieder laufen lernen. Es ist ein Wunder. Heute fühle ich mich physisch zehn Jahre jünger als vor zehn Jahren, kann sogar wieder Marathon laufen.

Wie lange dauerte die Pause?
Pause? Ich habe immer gearbeitet! In der Zeit, über die wir gerade sprachen, habe ich mich viel um meine Stiftung Zusammen-Leben gekümmert. In diese Stiftung habe ich anderthalb Millionen DM an Honoraren gesteckt. Da geht es um Hilfestellung. Das ist für mich auch eine große Befriedigung. Die Hälfte meiner Arbeit ist nicht journalistisch. Manchmal erreiche ich selbst etwas. Manchmal stelle ich einen Anwalt. Es kommen immer wieder Menschen, die in der Bredouille stecken. Im Augenblick ist Susanne Osthoff mein Gast, die auch ein Medienopfer ist. Ihr ist übelst mitgespielt worden. Sie wusste sich einfach nicht mehr zu wehren. Sie war schwerst traumatisiert, hat schreckliche Sachen erlebt. Durch ein Zusammenspiel von Presse und BND kam sie dann so negativ in die Schlagzeilen. Wenn man heute Leute auf der Straße fragt, wer Susanne Osthoff ist, dann hört man: „Ach, das ist doch die mit dem Lösegeld“. Dabei hatte man ihr nur das wiedergegeben, was ihr vorher abgenommen worden war. Und sie hatte es beim Botschafter entsprechend deklariert.

Wo sind die kritischen Journalisten?
Es ist eine aussterbende Gattung, aber es gibt sie noch. Z. B. bei Monitor, Frontal 21, der Süddeutschen, bei der taz, bei der ZEIT, beim Spiegel oder zum Beispiel Jörg Schindler bei der FR, um nur einige zu nennen, die mir gerade einfallen. Man hat die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren. Aber der breiten Masse ist das Interesse an Aufklärung weitgehend abhanden gekommen. Sie ist resigniert und auch verBILDet, oder, um es in Abwandlung eines Werbespruchs der BILD-Zeitung auf den Punkt zu bringen: „Jede Lüge braucht einen Dummen, der an sie glaubt.“ Es gibt Interessen, Menschen dumm zu halten und sie damit verfügbar und manipulierbar zu machen.

Ist das nicht seltsam, so etwas im Jahr 2008 sagen zu müssen? Das war doch auch ein Argument der 68er.
Eine neue soziale Bewegung ist längst überfällig. Die Verhältnisse schreien geradezu danach. Ich bin seit den Anfängen meiner Arbeit immer von einem Geschichtsverständnis ausgegangen, dass sich eine Gesellschaft kontinuierlich im Wege der Evolution zu besseren Bedingungen hin entwickelt. Mit Rückschritten zwar, aber vorwärts. Ich glaubte, ich sei dabei ein Beschleunigerteilchen und hätte daran meinen kleinen Anteil. Heute muss ich erkennen, dass sich etwas im freien Fall befindet. Pathetisch ausgedrückt: Die Talsohle ist noch nicht erreicht. Es wird versucht, das mit der Globalisierung zu rechtfertigen. Doch der Zusammenhang stimmt oft nicht.

Das machen ja andere europäische Länder auch vor.
Genau. Und in Deutschland entwickeln wir uns zum Schlusslicht.

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Aktuelles Heft Nr. 3-2008
Titelthema:
Deutschland

Titelfoto: Bernd Lammel

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