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Debatte

Plausibilität ersetzt Faktentreue

von Helmut Merschmann

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Nicht mehr umfassende Recherchen und größtmögliche Faktentreue dominieren die aktuelle Berichterstattung, sondern die Prüfung, ob Interpretationen von Sachverhalten plausibel sind. Der Nachrichtenwert wird dem Unterhaltungswert untergeordnet. Damit entpuppt sich die Plausibilität als Feindin des seriösen Journalismus. Ein Tagungsbericht


Als Susanne Osthoff im Dezember 2005 aus der iranischen Geiselhaft freikam und sich allen medialen Avancen entzog, schlug der Tenor der Berichterstattung um. „Aus der sympathischen Helferin wurde plötzlich eine skurrile Person“, konstatiert der Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Krug. „Die Medien suchten neue Plausibilitäten für die Ungereimtheiten der Realität beziehungsweise der Heldin.“ Einige publizistische Organe gingen so weit, Osthoff eine Zusammenarbeit mit dem Bundesnachrichtendienst zu unterstellen. Andere versuchten ihr eine Schuld an der eigenen Entführung nachzuweisen. Plausibel genug, um in der Berichterstattung aufzutauchen, erschienen diese Denunziationen allemal.

Vom „Siegeszug der Plausibilität“. sprach Krug auf einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung Mitte Juli in Berlin. Zunehmend erlangen Geschichten publistizistische Relevanz, wenn sie nur plausibel klingen. Für Wolfgang Gast (die tageszeitung) ist „Plausibilität der Feind des Journalismus“. Statt genauer zu recherchieren und eine Geschichte zu überprüfen, reiche häufig der Eindruck der Plausibilität aus. So wie im November 2000 beim „Schwimmbadmord“ im sächsischen Sebnitz, für den die Medien unisono Neonazis verantwortlich gemacht hatten. Skinheads und der Osten – das passt doch gut zusammen. Die Korrekturen wenige Tage später nahmen sich im Gegensatz zu den anfänglichen großen Aufmachergeschichten allerdings bescheiden aus.

Plausibilität meint in diesem Zusammenhang den allgemeinen Menschenverstand, andererseits aber auch die Mehrheitsmeinung. Denn Plausibilität dient als Orientierungsmodell in einer Redaktionswelt, die allzu oft unter Zeitdruck und Zugzwang stehend auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen ist und sich auf sie verlässt. Bisweilen klagen Auslandskorrespondenten darüber, dass ihre eigenen Beobachtungen von der Heimatredaktion nicht erwünscht sind, wenn sie dem Tenor der Agenturmeldungen widersprechen. Das mehrheitlich als plausibel Empfundene wird dabei zum Motiv der Nachricht, zum eigenständigen Nachrichtenwert.

Für den Initiator der Tagung aus der Reihe „Berliner Mediengespräche“, Hans-Jürgen Krug, reicht das Phänomen der Plausibilität jedoch über eine rein inhaltliche Ebene hinaus. Krug glaubt, dass sich mit Plausibilität auch erklärende Formen der Vermittlung verbinden, die an narrative und fiktionale Muster heranreichen, wie man sie etwa aus Kriminalromanen kennt. Besonders Fernsehnachrichten operierten häufig mit Plausibilität, beobachtet Krug, wenn sie Ereignisse dramaturgisch aufbereiten und ihnen Dramatik verleihen. Informationen werden auf diese Weise passend gemacht für ein nachrichtliches Fernsehformat, das in einem weitgehend fiktionalen Programmumfeld konkurrieren muss. „Nachrichten aus einer chaotischen Welt werden plausibilisiert, indem man sie erzählbarer und erklärbarer macht.“

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Autor


Helmut Merschmann
Dr. phil., studierte Publizistik und Theater-, Film- und Fernsehwissen­schaft, lebt als freier Journalist in Berlin und schreibt seit 1998 über alte und neue Medien u.a. für „epd Medien“, „Spiegel Online“, „Stuttgarter Zeitung“.


Aktuelles Heft Nr. 3-2008
Titelthema:
Deutschland

Titelfoto: Bernd Lammel

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