Portrait
Glückskind
von Jan-Philipp Hein
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Tobias „Tobi“ Schlegl ist einer der unangepassten Medien-Karrieristen
aus der Talentschmiede VIVA. Seit 2007 moderiert der 30-Jährige
beim NDR das politische Satire-Magazin extra 3. Dieser Tage kommt
ein Buch des Umweltaktivisten heraus.
Es regnet seit Tagen wie aus Eimern. Selbst für Hamburger Verhältnisse ist der Niederschlag beträchtlich. Die Stadt steht unter Wasser. Wer Klimaapokalyptiker bisher belächelt hat, könnte ins Grübeln kommen. Wir sitzen im „Frau Möller“, einem etwas trashigen Café an der Langen Reihe in St. Georg hinter dem Hauptbahnhof und warten auf Tobias Schlegl. Der extra-3-Moderator kommt mit einem FC St. Pauli-Toaster unter dem Arm herein: „Ein Geschenk der Redaktion zu meinem Geburtstag im letzten Jahr.“ Dreißig ist er da geworden. Kurz vorher stand er für das NDR-Satiremagazin das erste Mal vor der Kamera.
Ist sein Weg eine Bilderbuchkarriere? Während der junge Tobias noch der elften Jahrgangsstufe eines Kölner Gymnasiums angehörte, moderierte er schon bei VIVA. Dann Abitur und der Gang durch die Medieninstanzen. Es folgten diverse eigene Sendungen beim Jugendsender, eine Show bei Pro Sieben und schließlich extra 3 – wahrscheinlich das bissigste, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu bieten hat.
Was hat dieser Schlegl gelernt? – zu machen. Es gibt kein Volontariat oder ein Studium. Dafür hat er eine ellenlange Liste von Erfolgen und Referenzen. Schlegl im Glück. Man hat ihn immer machen lassen: „Bei VIVA hieß es, probier Dich aus! Wir geben Dir keine Schranken.“ Und jetzt beim piefigen Öffentlich-Rechtlichen, mit seinen Gremien und Organen, sei das nicht anders. Sagt er jedenfalls. Und braver ist der Punk-Fan und -Musiker da auch nicht als bei seinen ehemaligen Arbeitgebern: „Die halten uns im achten Stock den Rücken frei.“ Intendant Lutz Marmor selbst habe der extra-3-Truppe gesagt, die Redaktion würde etwas falsch machen, wenn keine Hassmails kämen. Das heißt für Schlegl: „Ich bin bereit, bis an die Grenze zu gehen.“
Doch dem Moderator geht es an diesem tiefgrauen und verregneten Nachmittag nicht um seine Karriere, sondern um sein neues Buch „Zu spät? So zukunftsfähig sind wir jungen Deutschen.“ Darin wird es dann doch ab und an etwas schlicht. Auf der einen Seite die Bösen, also die Energieversorger mit ihren Atomkraftwerken, die Lebensmittelkonzerne und Burgerbrater, „die uns nur verarschen“, wie Schlegl bei „Frau Möller“ sagt, oder die Klamottenhersteller, die in Fernost Kinder arbeiten lassen. Und auf der anderen Seite die Guten: Foodwatch, Attac oder die Umweltschützer vom BUND. Es ist eine Kampfschrift und ein Berater fürs gute Gewissen und beste PR für NGOs. Jedes Kapitel schließt mit Tipps für ein umweltgerechtes und globalisierungskritisches Leben.
„Das Buch gründet auf Empörung“, sagt Schlegl. Aber in seiner ganzen Schlichtheit sei es doch arg unjournalistisch, oder? Das sieht der Autor ähnlich: „Ich wollte davon weg, mit diesen zwei Quellen, und so weiter.“ Es sei einfach „mein Buch“, mit „Herzblut und Unterhaltung“. „Ich bin Tobias Mustermann und möchte einfach wissen, was verbrauche ich an Ressourcen. Also weg von dieser Illner-Will-Schiene mit den ganzen Phrasen.“ Und dann steht er in Berlin mit Foodwatch-Chef Thilo Bode vor einem McDonalds und sammelt Unterschriften gegen Genfood, das Bode und Schlegl beim Klopsbrater vermuten, weil ja das Futtermittel der Fleischlieferanten gentechnisch behandelt sei. Dennoch sagt Schlegl: „Ich wollte mich nicht gemein machen.“ Zwar hat er in dem Buch ein grobes Foul nach dem anderen gegen die berühmte Friedrichs-Regel begangen, doch man will es ihm nicht übelnehmen. Warum auch? Es ist ja sein Buch, und seine Kritiker werden sich schon warm laufen und irgendetwas von „Gutmenschentum“ und „Political Correctness“ schreiben – nicht ganz zu Unrecht, aber es wird den Autor nicht kratzen.
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Autor
Jan-Philipp Hein
Freier Journalist, schreibt hinterm Deich in Bremerhaven für „WELT“, „DIE ZEIT“, „stern“, „FOCUS“, „SPIEGELonline“ und andere überregionale Tageszeitungen, Magazine und Onlinemedien.
Foto: Jeschke
Buch
Tobias Schlegl
„Zu spät? So zukunftsfähig sind wir Deutschen“
Rowohlt-Taschenbuchverlag Reinbek, August 2008
Broschiert, 224 Seiten
ISBN-10: 3-499-62390-0